Ausbau zur Jugendstilkirche

Der immer stärker werdende Zuzug der Bürger von Braunschweig nach Lehndorf brachte nicht nur die alte Dorfkirche mit ihrem breiten Westturm, ihrem breiten Schiff und ihrer dreiseitig umlaufenden Empore in arge Bedrängnis, ähnlich ging es der Schule, die wegen der ständig wachsenden Schülerzahl unter akuter Raumnot litt. Für den Konfirmandenunterricht mußte die alte Pfarrscheune ins Auge gefaßt werden. Diese Raumprobleme erforderten umfangreiche Baumaßnahmen und Finanzierungen, die natürlich nur schrittweise gelöst werden konnten und viel Geduld erforderten, zumal dadurch das bisherige beschaulich ruhige Dorfbild Lehndorfs verändert wurde. Wie aus der Eingabe des Kirchenvorstands an das Konsistorium vom Februar 1903 deutlich zu erkennen ist, spielte auch die Baufälligkeit der Dorfkirche, die hohen Restaurationskosten und die Gefährdung der Einwohner Lehndorfs eine entscheidende Rolle. Man begründete die geplanten Maßnahmen mit ”dem desolaten Zustand des Fußbodenbelages, der Schadhaftigkeit der Mauern und Wände, dem Verfall des Kirchen und Turmdaches und der Abgängigkeit der Heizungsanlage.” So erklärte es sich auch, dass schließlich nicht eine Renovierung, sondern ein kompletter Umbau genehmigt wurde, der ganz dem Wunsch Pastor Grafs entsprach. Er hatte bereits frühzeitig erkannt, ”daß das Bauwerk so würdig gestaltet werden müßte, wie es ganz in der Nähe einer größeren Stadt wünschenswert erscheint.”
Nach dem Entwurf des Regierungs- und Baurates Pfeifer, der auch als Professor für Architektur und Bauwesen an der Hochschule in Braunschweig lehrte und neben Winter als der bedeutendste Architekt des Herzogtums Braunschweig anzusehen war, wurde 1903 – 1905 die ”Dorfkirche” zur kreuzförmigen Saalkirche erweitert, der Zugang vom Turm an die neue Südseite verlegt, während im Norden eine Altarapsis und eine Sakristei angebaut wurden Vorher hatte man allerdings die Emporen und Priechen aus dem Inneren herausgenommen. Aufgegeben wurde auch die alte Ostrichtung der Kirche, indem man jetzt die Kirche nach Norden ausrichtete. Pfeifers Umbau ist von bestechender gestalterischer Qualität, wenn man ihn mit anderen Kirchenneubauten dieser Zeit in Braunschweig vergleicht, z.B. mit der Johannis- oder der Paulikirche, die alle die Handschrift Ludwig Winters aufweisen und von einer verhärteten Gotik gekennzeichnet sind.

Um so höher ist dann Pfeifers Leistung zu bewerten, wie er den neuen Südgiebel zur Großen Straße mit den Anklängen an den damals blühenden Jugendstil und mit seinen rundbogigen Fenstern bescheiden und zurückhaltend mit der mittelalterlichen Dorfkirche verbindet. Bei einer intensiven Betrachtung des Pfeiferschen Nachlassen fällt auf, daß er in Lehndorf zweifellos ein architektonisches Juwel geschaffen hat, das bis ins kleinste Detail stimmig ist.
 

Bewusst wird die Beziehung zum mittelalterlichen Kirchenbau unterstrichen, wenn man weiß, daß das rundbogige Fenster im Osten aus dem zu diesem Zeitpunkt abgerissenen Ägidienkloster stammt.Entsprechend kunstvoll wurde auch bei der Neugestaltung des Innenraumes der Kirche vorgegangen. Dort, wo das ehemalige mittelalterliche Kirchenschiff mit dem Erweiterungsbau zusammentrifft, wurde von dem Hofdekorationsmaler Quensen das Deckengemälde mit den 4 Evangelisten und dem Himmlischen Jerusalem geschaffen. Selbstverständlich trägt auch dieser Raum innenarchitektonisch die Handschrift Pfeifers.
 

Seine Vollendung fand der Kirchenraum 1907, als die Eheleute Heinrich und Anna Maria Dorothea Rischbieter der Kirche zwei siebenarmige Leuchter stifteten, und diese am 1. Dezember erstmals benutzt wurden.

Die durch den Umbau entstandenen Gesamtkosten, die lediglich aus Mitteln der Kirchenkassen bestritten worden sind, haben 26341,30 Reichsmark betragen. Die Gemeinde Lehndorf war bei diesem Erweiterungsbau von den Leistungen der sogenannten Hand- und Spanndienste mit ausdrücklicher Bestimmung von höchster Stelle befreit worden, dieses freiwillige Entgegenkommen in Zukunft nicht als Präsedensfall zu betrachten, von dem eine Befreiung von der allgemeinen Verpflichtung der politischen Gemeinde hergeleitet werden könne.
 

 

 

Eingeweiht wurde die Kirche am 18.12.1904, am gleichen Tag wie die oben erwähnte Johanniskirche.


Der Text dieser Seite beruht auf historischen Arbeiten von Peter Former.
Ihm sei an dieser Stelle gedankt.
Text: Peter Former
Fotos: Kreuzgemeinde und Bernd Weferling