2. Wie sich Jesus mit dem Problemen seines Volkes auseinandersetzte
2.1.4 Gott als frei und geschwisterlich machender Vater

Warum proklamiert Jesus gerade dies? Woher hat er den Mut dazu?
Er tat das deshalb, weil er Gott in ganz neuer Weise erlebt hat:
  • Gott ist für Jesus nicht der "theoretisch" Allmächtige, der die Menschen nach ihren Handlungen belohnt oder bestraft, der auf jede Weise jedes Schicksal "verständlich" werden lässt, und den man mit Hilfe der Priester durch Opfer versöhnen kann 15.
  • Gott ist für Jesus auch nicht die übernatürliche Verstärkung der eigenen Sache gegen die der anderen. (So die Kriegsgötter der alten und der neuen Zeit: "Gott mit uns!") 16
  • Gott ist für ihn auch nicht in erster Linie der Schöpfer der Welt oder gar der "erste Beweger" (prima causa), auf den als Ursprung sich alle bestehende Wirklichkeit causal zurückverfolgen (und legitimieren) lässt 17.
  • Gott ist für ihn auch nicht die Größe, von der Beruhigung, Trost und Stärkung kommt, während man fortfährt, sich mit den Abhängigkeiten, Zwängen und Unmenschlichkeiten dieser Welt zu arrangieren 18.
  • Gott ist für Jesus vielmehr ein liebevoll erwachsen- und freimachender Vater, der für alle seine Kinder da ist - am meisten für die, die in Abhängigkeit und Elend gestoßen wurden - und der durch Verständnis, eigenes Vorbild und ohne Zwang oder Druck dafür wirbt, dass jeder Mensch und jede Institution zurückkehrt zur gewaltfreien Gemeinschaft untereinander und mit ihm 19.
So hat Jesus "Gott" erlebt bis in den Kern seines Wesens hinein. Entsprechend hat er selbst gelebt und gelehrt. Und er war gewiss, dass die Sache dieses Gottes sich irgendwann (schon bald) gegen die jetzigen Verhältnisse durchsetzen werde - auch wenn das erst nach seinem Tode sein würde.
Die "Macht" dieses Gottes anzuerkennen, bedeutete für Jesus jegliches unterdrückende macht- bzw. gewaltgeprägte Verhalten unter Menschen zu überwinden.
Davon unberührt bleibt, dass es für Jesus auch ein "Zuspät" gibt - sowohl für den Einzelnen wie für die ganze Gesellschaft. Die Frist zur Umkehr gilt nicht unbegrenzt. Wer sie nicht nutzt, wird in das Verhängnis gehen.
Jesus knüpft mit dieser Gotteserfahrung unmittelbar an die ursprüngliche, später weitgehend vergessene Gotteserfahrung des Volkes Israel an, nach der Gott nicht der Schöpfer der Welt, sondern der Befreier aus Unterdrückung und Abhängigkeit ist, dessen Ziel darin besteht, daß Israel nur einen Herren hat: Ihn selbst. Die Geschichte der Rettung aus der Sklaverei in Ägypten berichtet davon (2. Buch Mose, 3 ff...).

2.1.5. "Sorget nicht!"

Aufgrund dieser Gotteserfahrung und mit diesem Ziel vor Augen gelten die Worte der Bergpredigt, die den Nachfolgern Jesu jegliche Angst, jegliche Sorge um das eigene Überleben, um die eigene Zukunft, nehmen: Gott (dieser Gott!) sorgt für euch, er verlässt euch nicht, er gibt euch nie aus seiner Hand, selbst nicht im Tode, selbst nicht über das Ende unseres Lebens hinaus. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen 20.
15 vgl. dazu Johannes 9,1ff
16 Auch im AT ist Gott öfter so (miss-)verstanden. Siehe dazu den "Heiligen Krieg" im AT, z. B. Richter 5 und 7
17 die griechische Philosophie (Aristoteles) hat Gott so verstehen wollen
18 so die Pharisäer, vgl. Matthäus 23
19 Gleichnis vom "Verlorenen Sohn", Lukas 15,11ff
20 siehe Matthäus 6,24ff
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© Kreuzgemeinde Alt-Lehndorf Braunschweig
Stand 24.01.02