1. Die Situation in Palästina zur Zeit Jesu
1.3 Die Rolle der Religion in dieser Lage

Soweit die Religion von der Oberschicht des Volkes verwaltet wurde - was beim Tempelkult der Fall war, dem religiösen Mittelpunkt des Landes - gingen von ihr keine Impulse aus, die Wirklichkeit zu verändern.
Die Katastrophen im Leben des Volkes und im Leben des Einzelnen wurden im Tempelkult als Strafe Gottes für begangene Sünden gedeutet und auf diese Weise erklärt. Im Tempel stand dann jeweils die immer erneut zu vollziehende Reinigung des Volkes und des Einzelnen von seinen Sünden im Mittelpunkt. Das geschah mittels der durch die Priester vollzogenen Opfer.
Im unterdrückten und verarmten Volke jedoch gab es eine starke religiöse Erwartung, die auf eine nachhaltige Veränderung der bestehenden Situation hinzielte, die als gegen Gottes Willen gerichtet erlebt wurde.

Diese Erwartung existiert in zwei Formen:
  • Die religiös-nationalistische Hoffnung:
    Man erwarte einen König aus der Nachkommenschaft Davids, der das Land von der römischen Fremdherrschaft befreien würde 4.
    In dieser Richtung waren vor allem die Zeloten aktiv: Sie formierten Guerillakämpfe gegen die Römer, richteten geheime Waffenlager ein, verübten Überfälle auf römische Garnisonen und arbeiteten auf einen Volksaufstand gegen Rom hin (der später auch kam und mit der Zerstörung des Landes endete). Die Römer schritten gegen solche Bestrebungen mit äußerster Härte ein: die übliche Strafe war die Kreuzigung
  • Die religiös-metaphysische Hoffnung:
    Andere im Land warteten auf ein übernatürliches, durch direktes Eingreifen Gottes herbeigeführtes Ende dieser ganzen alten Welt: Gott würde eine neue Welt erschaffen, die alte würde vorher untergehen (Krieg, Weltuntergang...). Dann würde endlich sein Wille geschehen.
4 So scheint auch Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem missverstanden worden zu sein, vgl. Markus 11, 10
Seite 4

© Kreuzgemeinde Alt-Lehndorf Braunschweig
Stand 24.01.02