1.2. Die soziale Situation
Die politisch-wirtschaftlichen Machtverhältnisse hatten eine katastrophale soziale Lage heraufbeschworen:
Schon die unbarmherzig harte Steuerpolitik des Herodes, der ungeheure Geldsummen aus dem kleinen Lande presste, hatte zahllose, ehemals selbstständige Bauern die wirtschaftliche und soziale Unabhängigkeit gekostet: ihre Äcker wurden von Großgrundbesitzern (z. T. billig) aufgekauft, die Bauern selbst wurden versklavt, als Besitzlose in die Slums der Städte verdrängt oder in das gewaltige Heer der "Wanderarmen" gezwungen, die ohne Eigentum und Obdach auf der Suche nach Arbeit und Brot auf der Flucht vor Schulden ständig im Lande umherzogen 3.
In diese Situation war die Mehrheit der Bevölkerung gedrängt worden. Unterernährung, mangelnde Hygiene, Obdachlosigkeit usw. waren die Folge.
Weitere Folgen waren massenhaft auftretende Krankheiten: Blindheit, Aussatz, früher Tod..., außerdem verbreitete Kriminalität und Prostitution.
Eine weitere Zuspitzung erfuhr die Situation der Besitzlosen dadurch, dass sie von der "guten Gesellschaft" in dem Augenblick auch noch religiös-moralisch gebrandmarkt und ausgestoßen wurden, wenn sie - oft der Not gehorchend - kriminell würden ("die Zöllner und Sünder" des NT).
Der riesigen Zahl der Armen und Hungernden stand eine zahlenmäßig kleine, sehr reiche und mächtige Oberschicht gegenüber: führende Priester und Großgrundbesitzer. Ihre Paläste werden in der Oberstadt Jerusalems ausgegraben.
Diese "Elite" hatte sich auf das Engste mit der römischen Unterdrückungsmacht und ihren Interessen verbunden: der Hohe Priester, der Vorsitzende des Hohen Rates (der viele Angelegenheiten des Volkes selbst regeln konnte), erhielt sein Amt gegen Höchstgebot von den Römern durch Kauf. Er war in der Regel der reichste Mann des Landes und konnte noch reicher werden, da er u. a. als Hoher Priester an allen Einnahmen des Tempels direkt beteiligt war (Tempelsteuer, Opferwesen...).
So war die religiös-wirtschaftliche Machtelite an einem Fortbestand des Status Quo und seiner "Stabilität", wie ihn die römischen Truppen sicherten, unmittelbar interessiert - ganz im Gegenteil zur großen Mehrheit der Armen, Besitzlosen und Unfreien.
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